Wir weisen die Agroscope-Studie zurück!

4aqua, ein kürzlich gegründeter Zusammenschluss von über hundert Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Fachleuten aus dem Wassersektor, weist die Studie der Agroscope zur Trinkwasserinitiative als wissenschaftlich nicht haltbar und irreführend zurück. Zwar bestätigt die Studie, dass die Trinkwasserinitiative den Trink- und Gewässerschutz sowie die Biodiversität im Inland positiv beeinflussen würde. Im Ausland aber würden laut Agroscope die negativen Auswirkungen überwiegen, was seither als zentrales Gegenargument zur Trinkwasserinitiative eingesetzt wird und jetzt auch die Agrardebatte im Ständerat beeinflusst.

Zwar kommt die Agroscope in der sogenannten TWILCA-Studie zum Schluss, dass die Trinkwasserinitiative (TWI) die Belastung von Gewässern in der Schweiz mit Pestiziden und Nährstoffen reduzieren und die Biodiversität im Inland verbessern würde. Gleichzeitig lastet Agroscope der Initiative aber massive Umweltfolgen im Ausland an bis hin zur Abholzung von Regenwald. Genau mit diesem Argument eines «grösseren ökologischen Fussabdrucks» im Ausland als im Inland begründete nun die ständerätliche Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK-S) ihr am letzten Freitag beschlossenes Postulat für eine Sistierung der Agrarpolitik und der darin vorgesehenen Massnahmen zur Minderung von landwirtschaftlichen Stickstoffbelastungen. «Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Schlussfolgerungen der Agroscope-Studie zur Trinkwasserinitiative nicht haltbar», bemängelt 4aqua-Vertreter Martin Würsten. «Vor allem kritisieren wir, dass Agroscope wichtige geltende Verfassungsbestimmungen nicht berücksichtigt hat.» Wer sich ein Bild von der Agroscope Studie machen will, dem sei die Lektüre von Seite 104 empfohlen. Dort wird aufgeführt, wie die von der Studie prognostizierten «unerwünschten Auswirkungen der Trinkwasserinitiative (TWI) zu verhindern wären.» Genannt werden u.a.:

  • Effiziente und standortangepasste Nutzung der inländischen Landwirtschaftsfläche

  • Setzen von Standards in den aktuellen Import-Herkunftsländern oder Bezug nur aus ökoeffizienten Produktionssystemen

  • Wahl spezifischer Herkunftsländer

  • Vermeiden von Nahrungsmittelabfällen

All diese Aspekte sind bereits als Verfassungsziele in den Artikeln zur Landwirtschaft (Art. 104 BV) und Ernährungssicherheit (Art. 104a BV) verankert. Bis zum Inkrafttreten der TWI (nach achtjähriger Übergangsfrist) müssen diese umgesetzt sein. «Agroscope hätte diese Faktoren zwingend in die Analyse der Umweltwirkungen der TWI einbeziehen müssen. Erst dann wäre eine realistische Prognose möglich gewesen und das Potenzial für eine erfolgreiche Umsetzung der Initiative sichtbar geworden», beanstandet Würsten. In Bezug auf die Wasserqualität resümiert Agroscope (S. 103): «Eine Umsetzung der Trinkwasserinitiative würde mit grosser Wahrscheinlichkeit die Wasserqualität in der Schweiz verbessern. Bei einer globalen Perspektive würde diese positive Wirkung aber aufgehoben durch eine höhere Gewässerbelastung in anderen Ländern, und sie würde mit weiteren Trade-Offs in anderen Umweltbereichen einhergehen.» Der zweite Satz dieses Fazits wird seither von Gegnern der TWI immer wieder zitiert und instrumentalisiert - zuletzt von der Mehrheit der WAK-S.

Die genannten Trade-offs, d.h. die Umweltfolgen der Lebensmittelproduktion in anderen Ländern, hat Agroscope mit grossem Aufwand herausgearbeitet. Umweltfolgen sind jedoch keine fixen Werte, sondern können z. B. durch die Wahl spezifischer Herkunftsländer oder durch Anwendung von Zertifizierungssystemen vermindert oder ganz beseitigt werden. So ist gemäss einer Studie der Berner Hochschule für Agrar-, Forst und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) durch die Zertifizierung von Futtermittelimporten aus Brasilien schon heute gewährleistet, dass bei ihrem Anbau kein Regenwald zerstört wird. Diese bewährten Instrumente zur Vermeidung von Trade-Offs könnten natürlich auch zur Verminderung der Umweltwirkungen der TWI eingesetzt werden. «Solche Varianten evaluiert Agroscope allerdings nicht, wodurch die Studie zum absurden Fazit führt, dass bei Annahme der TWI für Fleischimporte Regenwald abgeholzt werden müsste», so Würsten.

«Griffige Massnahmen zur Eingrenzung landwirtschaftlicher Gewässerbelastungen sind dringend nötig, denn gegenwärtig beziehen rund eine Million Menschen im Schweizer Mittelland Trinkwasser, das wegen Pestizidrückständen nicht dem Lebensmittelrecht genügt», mahnt Martin Würsten. Hinzu kommen Belastungen durch Nitrat und Antibiotikaresistenzen. Agroscope suggeriert mit ihrer Studie, dass eine Beseitigung dieser Missstände mit höheren Umweltbelastungen im Ausland erkauft werden müsste. Dem widerspricht 4aqua dezidiert. Die Schweiz hat alle Möglichkeiten, die heimischen Gewässer zu schützen, ohne der Umwelt im Ausland zu schaden. Die Schweiz hat sogar die Pflicht dazu, denn der 2017 mit grosser Mehrheit vom Volk beschlossene Ernährungssicherheitsartikel besagt, dass der Bundesrat in der Land- und Ernährungswirtschaft nachhaltige Handelsbeziehungen schaffen muss. Laut Würsten wäre dies zum Beispiel mit einem Zertifizierungssystem für importierte Lebensmittel möglich, wodurch sich gewährleisten liesse, dass bei der Produktion von Importlebensmitteln keine negativen Umweltfolgen im Ausland entstehen.


Der grösste Teil der negativen Umwelteffekte im Ausland beruht auf dem von Agroscope errechneten Bedarf an zusätzlichen Fleischimporten von ca. 62‘000 Tonnen pro Jahr resp. knapp 12% des heutigen Inlandkonsums. In anderen Worten: Eine Reduktion des Fleischkonsums um lediglich 12% würde also zusätzliche Importe unnötig machen, die Umwelteffekte im Ausland würden entfallen. Eine solche Reduktion erfolgt allein durch die Verminderung des Foodwaste (bei Rindfleisch heute 30%), zu der sich die Schweiz im Ernährungssicherheitsartikel 104a sowie in den UN Sustainable Development Goals verpflichtet hat.

«Hätte Agroscope das geltende Verfassungsrecht berücksichtigt, wäre die Gesamtbilanz der TWI sowohl im In- wie auch im Ausland positiv ausgefallen», so Würstens Fazit. 4aqua weist deshalb die TWILCA-Studie als irreführend zurück und fordert deren Überarbeitung.


Zur Interessengemeinschaft 4aqua: 4aqua ist eine 2020 gegründete Interessensgemeinschaft von über 110 ausgewiesenen Wissenschafterinnen, Wissenschaftler und Fachleuten, die sich tagtäglich mit Fragen des Gewässerschutzes und der Wasserversorgung befassen und die Folgen der Gewässerbelastung bestens kennen. 4aqua bekennt sich zur Trinkwasserinitiative, damit die Schweizer Agrarsubventionen künftig für eine nachhaltige Landwirtschaft eingesetzt werden, statt für Produktionsformen, welche Gewässer und Trinkwasserressourcen belasten.

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